Biz am Green - TALK von Pro zu Profi
Jung und wild wie wir
Aus Golfrevue 6/2009
Leo Hillinger, Österreichs polarisierendster Winzer, plaudert mit (Fast-)Antialkoholiker Bernd Wiesberger über Vorurteile, den Wert guten Marketings und 210-Meter-Schläge mit dem Eisen 7.
Moderation: Thomas Weidinger, Fotos: Alex Kramel.
Zu den Personen
Bernd Wiesberger: Golf-Pro, geboren 1985 in Wien. Absolvierte die HAK in Oberwart. Siebenfacher österreichischer Staatsmeister. Zweiter Platz mit dem Österreich-Team bei der Mannschafts-EM der Burschen in Karlsbad 2003. Pro seit 2006. Qualifiziert sich nach zwei Jahren auf der Challenge Tour 2008 für die European Tour. Größte Erfolge: 3. Platz AGF-Allianz Open de Lyon (2007). 4. Platz Qualifying School Final Stage, GC Catalunya, Spanien (2008). Aktuelle rangiert der Burgenländer auf Platz 191 des Race to Dubai, beste Platzierung 2009: Rang 25 (Volvo China Open).

Golfrevue: Leo, im Golf gibt’s den bekannten Spruch: Driving for the show, putting for the dough – also für den schnöden Mammon. Welchen Stellenwert nimmt die Show bei dir als Weinmacher ein?
Leo: Die Show ist schon sehr wichtig. Aber Show ohne Dough ist unmöglich. Und für den Erfolg braucht es eine entsprechende Basis. Bei meinen Weinen ist das die Qualität. Da bin ich fanatisch. Denn wenn man nur einen Millimeter von der Qualität abweicht, kann man keine Show machen.
Auf dein anerkanntes Talent als Marketingprofi angewandt, bedeutet das was?
Leo: Nur mit einem wirklich guten Produkt kann man auch ein entsprechendes Marketing betreiben. Denn es gibt ein Gesetz: Schlechtes Produkt + gutes Marketing = schneller Tod! Bei einem schlechten Produkt muss man schön leise sein.
Bernd, wie ist das bei dir? Du bist einer der Längsten auf der Tour, also viel „Show“ frei Haus … Laut aktueller Statistik hast du durchschnittlich 30 Putts pro Runde, das ist eher viel. Wie verhält sich das mit dem Dough bei dir?
Bernd: Ich habe meine Stärken, das ist das lange Spiel. Aber ich finde nicht, dass das Putten eine Schwäche von mir ist. Was definitiv stimmt: Man muss sich immer verbessern. Das wird beim Leo nicht anders sein. Der Vorteil bei uns Golfern liegt wohl darin, dass uns ein schlechter Tag vielleicht um den Cut oder einen Sieg bringt. Beim Leo ist das anders: Da kann ein einziger schlechter Tag im Jahr, zum Beispiel mit Hagel, alles oder zumindest vieles auf längere Sicht vernichten!
Leo, was hat deine Jugend geprägt und dich zum „Jungen Wilden“ gemacht?
Leo: Junger Wilder (lacht)?! Mit 18 hab ich noch Almdudler mit Rotwein getrunken – das war einfach die Zeit damals, Qualität war kein Thema. Da galt nur: möglichst viel und möglichst billig. Mit 22 Jahren, 1992, habe ich dann von meinen Eltern 0,86 Hektar Weingärten und einen Weinhandel samt Heurigem mit 400.000 Euro Schulden übernommen. Der finanzielle Druck hat mich wahnsinnig kreativ gemacht – ich hab dann mit allen möglichen Geschäftsideen, wie zum Beispiel einer mobilen Wein-Abfüllanlage, Geld machen müssen. Bahnbrechend waren meine Aktionen im Heurigen, wo ich vom Jazz-Brunch bis zu Klassik-Konzerten für Aufsehen sorgte. 1997 habe ich mein erstes Weingut mit 12 Hektar in Rust gekauft – und in weiterer Folge mehrere Betriebe. Und als Höhepunkt habe ich 2004, innerhalb von nur einem Jahr, die jetzige Produktionszentrale in Jois erbaut.
Deine Aufsehen erregenden Aktionen und nicht zuletzt die moderne Kellerei rufen ja auch viele Kritiker auf den Plan. Die behaupten gerne, dass die Weine vom Hillinger ja nur durch das enorme Marketing sprichwörtlich in aller Munde sind.
Leo: Das sehe ich sehr entspannt. Mit schlechten Weinen konnte man vielleicht früher, vor dem Weinskandal, reüssieren. Heutzutage ist das nicht möglich. Ich verkaufe sehr viel Wein in die USA, und dort nehmen sie dich grundsätzlich einmal komplett auseinander. Da ist die Szene nicht so lustig wie in Österreich, die warten nur auf einen Fehler. Also können meine Weine so schlecht nicht sein …
Bernd: Deine Kritiker haben ja, glaub ich, mehr Probleme mit dir persönlich als mit deinen Weinen. Die denken: Der schaut ja gar nicht aus wie ein Weinbauer. So ähnliche Vorurteile kennt man ja auch aus dem Clubgolf-Bereich. Aber da hat sich die Lage in den letzten Jahren Gott sei Dank etwas entspannt.
Bernd, kannst du uns auch einen kurzen Überblick über deine Karriere geben?
Bernd: Wie der Leo habe ich auch 1992 begonnen (lacht), mit sieben Jahren. Als der GC Bad Tatzmannsdorf eröffnet hat, kam ich über die Eltern zum Golfen. Bei meinem ersten größeren Turnier, 1997, habe ich gleich die Burschen-Staatsmeisterschaft gewonnen, und da sind noch einige Titel dazugekommen. 2006 habe ich ins Profi-Lager gewechselt, mich nach zwei Jahren auf der Challenge Tour für die höchste Stufe qualifizieren können und spiele heuer das erste Jahr auf der European Tour. Zurzeit ist es etwas schwierig, vor allem wegen der Startplätze, wo wir Rookies schwerer ins Feld reinkommen. Aber ich bin mir sicher, dass ich bei meinen verbleibenden Starts noch die Tourkarte lösen kann, indem ich unter die Top 115 der Order of Merit komme.
Dein Aufstieg war also auch sehr steil. Gibt’s da ebenso Kritiker und Neider?
Bernd: Nein, im Gegenteil. Es gibt extrem viele begeistere Golfer und Leute, die sich für mein Tourleben interessieren. Da besteht eher die Gefahr von Schulterklopfern, die es immer schon gewusst haben, aber dich nach einem schlechten Jahr, einem schlechten Turnier, einem schlechten Tag fallen lassen …
Leo: Bei mir war’s wiederum umgekehrt. Was glaubst, wie viele da sagten: Das braucht keiner, der ist eh bald kaputt – und die kommen jetzt und sagen: Ich hab’s ja immer schon gewusst.
Bernd: Die schönste Bestätigung ist es, wenn du selbst was erreichst und weißt, was es dazu braucht und was du geleistet hast. Du hast einen hoch verschuldeten Betrieb übernommen und diesen inzwischen zu einem kleinen Imperium aufgebaut. Und ich hab mich vom Amateur aus Oberpullendorf zum Pro auf der höchsten Ebene der European Tour hinaufgearbeitet. Dieses Selbstbewusstsein ist mehr wert als jede Anerkennung von jemandem, der es immer schon gewusst hat.
Bernd, was ist dein Lieblingsgetränk?
Bernd: Ich trinke am liebsten einen gespritzten Apfelsaft mit einem Schuss Zitrone. Das macht sonst keiner auf der Tour, soviel ich weiß. Ich trinke so gut wie keinen Alkohol, und wenn, dann nehme ich zu einem feinen Essen lieber ein Glas guten Rotwein als ein Bier. Mich begeistern beim Wein das Know-how und die wahnsinnige Akribie beim Weinbau, der Prozess von der Weintraube bis ins Fass und letztendlich ins Glas und wie sich darin die Qualität widerspiegelt.
Leo, wie hältst du’s mit dem Golfen?
Leo: Momentan pausiere ich mit dem Golfen, weil ich keine Zeit dazu habe. Denn wenn ich was mache, dann immer zu 100 Prozent. Damals, als ich noch den Heurigen führte, hab ich zu spielen begonnen und war fanatisch, komplett geistesgestört. Bis 2 Uhr war ich hinter der Theke, habe dann kurz geschlafen, und um 5 Uhr in der Früh bin ich schon auf der Driving Range in Donnerskirchen gestanden und hab draufgehaut: ein zugemachtes 7er-Eisen 210 Meter. Da gab’s nur Vollgas.
Bernd: 210 Meter, nicht schlecht (lacht). Du solltest wieder mit dem Golfen anfangen.
Leo: Ich hab die Reife noch nicht – oder nicht mehr. Momentan strebe ich eher nach der richtigen Work-Life-Balance mit meiner Frau Eveline und den zwei Kindern Vivienne und Thaddäus an oberster Stelle. Die Gefahr bei mir: Das Golfspielen ist wie eine Sucht – ich würde wieder voll reinkippen.
Wo der Bernd hinwill – oder, besser gesagt: vorerst bleiben will –, hat er uns verraten. Wohin willst du, Leo?
Leo: Ich will nirgends mehr hin. Eher zurück. Ich würde gerne auf 40 bis 50 Jahre alten Weinstöcken eine Traube pro Stock reifen lassen, dann alles mit Hand und Pferd ernten. Ganz urig. Je uriger, desto besser. Wenn man immer so drauf sein muss wie ich, 15 Jahre lang im Heurigen, immer Leute um mich, immer Schmäh führen. Irgendwann will man niemanden mehr sehen, sondern nur mehr am Traktor sitzen.
Würdest du gern mit Bernd tauschen?
Leo: Definitiv nicht. Ich brauche niemandem mehr was zu beweisen, und ich habe keinen Druck mehr. Der Bernd hat noch Druck: Er muss gut sein, jeder erwartet das von ihm. Aber Bernd, du kannst entspannt sein, du bist ein Talent, trainierst recht viel, und es geht nicht um deine Existenz. Ich bin auch keinem Winzer neidig, der heute anfängt. Die haben es nicht leicht, es sind inzwischen sehr viel gute unterwegs …
Mittwoch, den 11. November 2009 um 11:27 Uhr












